Autoritarismus leider kein Thema von gestern


Am 09.11.18, um 07:12 Uhr

 

Ähnlich wie wir uns zurzeit manchmal fragen, wie so hohe Zustimmungswerte für menschenfeindliche Positionen und Parteien möglich sind, fragten sich dies Erich Fromm und andere Vertreter der sogenannten Frankfurter Schule zu Beginn der 30er Jahre. Dabei entstanden die Studien zum autoritären Charakter, welche nahelegten, dass auch der Sozialcharakter jedes Menschen einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Hang zu autoritären Positionen habe.

In genauer dieser Tradition stehen die seit 2002 regelmäßig von Leipziger Sozialforschern veröffentlichten Autoritarismus-Studien. Mit einem festen Fragenkatalog erheben sie nicht nur menschenfeindliche Einstellungsmuster, sondern auch die hinter ihnen liegenden Sozialcharaktere.

Die 2018er Studie trägt den Titel „Flucht ins Autoritäre“ und stellt genau diese fest: So stimmen immer mehr Menschen in Ost- und Westdeutschland ausländerfeindlichen und chauvinistischen Thesen zu oder vermeiden es, sich eindeutig von ihnen abzugrenzen. Mehr als ein Drittel aller Befragten stimmt bspw. der Aussage zu, dass Ausländer nur hierherkommen, um den Sozialstaat auszunutzen (Ost: 47,1 %, West: 32,7 %). Eindeutig antisemitische Aussagen erfahren im Vergleich zu Vorerhebungen zwar geringere Zustimmungswerte. Dafür verlagert sich der Hass auf andere Gruppen. So sind Vorurteile gegen Sinti und Roma genauso wie jene gegen Asylbewerber oder Muslime gestiegen und erreichen mitunter Zustimmungswerte jenseits der 60 Prozent.

Ähnlich wie schon für Fromm in den 30er werten die Forscher einen autoritär verfassten Sozialcharakter als ursächlich. Dieser folgt dem Motto: „nach oben buckeln, nach unten treten“ und das alles auf den Pfaden vermeintlicher Konventionen. Alles Abweichende wird aggressiv abgewertet und eine Sehnsucht nach Führern ist kaum zu verheimlichen.

Befördert wird dieser über eigene Ausgrenzungserfahrungen und ebenso autoritäre Erziehungsstile. Letzteres ist natürlich auch für mich als Kinder- und Jugendpolitiker ein Ausrufezeichen. Denn auch in unserem Bereich mehren sich die Rufe nach Schwarzer Pädagogik und hartem Durchgreifen bei abweichendem Verhalten. Wer früher ein kleines, armes Kind war, wird in dieser Logik ganz schnell zum Unruhe stiftendem Heranwachsenden, den es zu maßregeln gilt.

Die Antworten auf derlei Phänomene sind bekanntermaßen so vielfältig wie ihre Ausprägungen. Der Studie verdanken wir Einsicht und Beleg, dass es in der Prävention vor Rechtsextremismus eben auch um die Stärkung von Selbstwertgefühl und Mitbestimmungsrechten junger Menschen gehen muss.

Die Studie als Ganzes ist übrigens hier abrufbar: http://home.uni-leipzig.de/decker/Flucht%20ins%20Autoritaere.pdf

Außerdem gibt es am 05. Dezember die Möglichkeit, dem Hauptautor Oliver Decker im in Potsdam zu sehen. Dort stellt er die Studie im Rahmen der Ringvorlesung „Populismus – Popkultur – Pädagogik“ vor.  (18 Uhr, Friedenssaal im Großen Waisenhaus, Breite Straße 9a)